Zum Projekt

 

Ich hatte schon immer die Fantasie, eine Enzyklopädie der menschlichen Gefühle und Charakterzüge zu schreiben. Über die Jahre entstand eine Liste von knapp tausend solcher „Regungen“. Allerdings ging ich davon aus, dass das Projekt mein Alterswerk werden würde.
Plötzlich kam alles ganz anders. Sie müssen wissen, ich bewohne mit meiner Familie ein vierhundert Jahre altes Bauernhaus im Val Müstair, verschroben gebaut, mit geheimen Winkeln und krummen, steilen Treppen. Das wurde zum Problem, als wir entschieden, meine betagte Mutter zu uns zu nehmen. Sie kann die Treppen nicht mehr steigen, und unser einziges Bad lag im Obergeschoss. So sahen wir uns gezwungen, ihr eines ebenerdig einzubauen. Doch woher das Geld nehmen?

So entstand ganz spontan die Idee, uns via Crowdfunding an die Leserinnen und Leser zu wenden. Über wemakeit bot ich eine Tranche von 111 Geschichten zum Verkauf an. Jeder Unterstützer durfte sich eine der Regungen von „aalglatt“ bis „zynisch“ aussuchen und erhielt zu jenem Begriff seine ganz persönliche Geschichte. Persönlich in doppeltem Sinn: zum einen vergebe ich jeden Begriff nur einmal, zum anderen waren die Unterstützer gebeten, zusätzlich ein bis drei ganz beliebige Wörter anzugeben, die sie in ihrer Geschichte wiederfinden wollten.

Das Angebot schlug ein wie eine Bombe, alle 111 Geschichten (und einige mehr) waren innerhalb eines Monats verkauft. Das Bad für meine Mutter war damit gesichert – doch ich hatte auch einhundertdreissig Schreibauftäge zu bewältigen.

Bevor ich zu schreiben begann, definierte ich den Rahmen für die Geschichten. Ich beschloss, die gesamte Conditio humana in den bescheidenen Verhältnissen einer Zürcher Genossenschaft abzuwickeln. Ich habe selbst fast zwanzig Jahre so gewohnt und kenne die Verhältnisse gut. Auch das Personal legte ich fest: Hubert Brechbühl, einen frühpensionierten Trämler. Moritz Schneuwly ETH-Student und Tüftler. Das achtzigjährige Ehepaar Wyss (er war einst Logistikverantwortlicher der Post, sprich Päcklidienst), das schon länger auf den Tod wartet, doch dazu noch viel zu lebendig ist. Die alleinerziehende Lektorin Julia Sommer mit ihrer vierjährigen Tochter und und und.

Dann machte ich mich ans Schreiben, in unserem Gesindezimmer unterm Dach, mit Blick durch die verworfenen alten Fenster auf die Dorfstrasse, den Flieder, die Astern und den Stall der Nachbarn. Abends, sobald die Kinder im Bett sind, überarbeite ich und sende jede Geschichte, sobald sie fertig ist, an ihren Eigentümer. Inzwischen sind fast 200 Geschichten entstanden, gefasst in drei Romane, deren erster dieses Frühjahr erschien.

Und selten erhielt ich so herzliche Rückmeldungen. Manche der Unterstützer scheinen meine Texte wie Orakel auf ihr eigenes Leben zu lesen. Und die Romane als ganzes scheinen einen hohen Suchtfaktor zu haben. Ich habe mir vorgenommen, an den „menschlichen Regungen“ zu schreiben, solange jemand mitspielt. Allerdings nehme ich mir auch heraus, längere Pausen einzuschalten, um andere Projekte zu verfolgen.